Über’n Zaun g’schaut

Berchtesgadener Anzeiger: (24. Juli 2010) - Für viele ist er ein unverzichtbarer Begleiter durchs Jahr - der Berchtesgadener Heimatkalender. Sehnsüchtig wird er von Einheimischen und Gästen erwartet und jetzt ist der neue für das Jahr 2011 erschienen. Rosemarie Will hat wieder viele Geschichten zusammengetragen und es ist diese besondere Mischung an Themen, die den Heimatkalender so abwechslungsreich macht.  

Zäune begrenzen, Zäune trennen Besitz und gleichzeitig garantieren sie ein friedliches Nebeneinander. Aber sie schützen auch vor den hungrigen Mäulern der Tiere. Halten Kühe und Schafe, Hühner und Gänse in Schach. Ganz verschiedene Zäune aus dem Berchtesgadener Talkessel hat Rosemarie Will fotografiert und sie begleiten die Leser des Heimatkalenders durch das Jahr.
Zu den Bildern passen die Mundartgedichte von Rosemarie Will. Die Natur spielt darin eine wichtige Rolle, die »Veigal, Schlüssl-bleami, Bluatstrepfal« beschriebt sie und im Juli »woat ois und woat aufs Weda«.
Der Kalenderteil ist die eine Seite des Heimatkalenders. Die andere Seite betrifft eben die Heimat. Wieder einmal ist es Rose-marie Will gelungen, eine Vielzahl von Artikeln, Berichten und Texten von vielen verschiedenen Bereichen zusammenzustellen. Es ist gerade die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit, die den Reiz des Heimatkalenders ausmacht und es ist auch einer der Gründe, warum er im Talkessel, aber auch für viele Gäste und Freunde des Berchtesgadener Landes ein unverzichtbarer Begleiter durchs Jahr geworden ist.
Mit einem Winterthema fängt der zweite Teil gleich an. Rosemarie Will ist der Entwicklung des Berchtesgadener Wintertourismus nachgegangen. Von den ersten Versuchen von Georg Weiß mit aus Norwegen bezogenen Skiern über die von Dr. Beck geleitete Skimeisterschaft 1923 bis hin zu unserer heutigen Zeit und der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Wintertourismus angesichts des Klimawandels. Dazu passt die von Christoph Klaus verfasste Geschichte des bekannten Geschäftes »Ski-Klaus« in der Gang-hoferstraße. Schon 1919 hat sein Vorfahre Martin Klaus die ersten Skier gefertigt. Verleimte Skier gab es in den 20er und 30er Jahren, aus mühsam aus den USA herbeigeholtem Hickory-Holz. In den fünziger Jahren wurde eine Skipresse angeschafft und die Skiproduktion rationalisiert.
Winterlich glatt geht es auch beim Eishockey zu. Christian Wechslinger beschreibt, wie Hans Pflug den EV Berchtesgaden auf Vordermann gebracht hatte. Auf der Kinderseite erzählt Stefan Damböck vom »Poimtrogn«: »Und da Pfarra spritzt mim Spreng-wassa de Poim o und weihts mim Weihrauch. Dann stinkts.« Nicht aus Kindersicht, aber aus der Kinderzeit erzählt Dr. Peter Bach in seinem Beitrag »Erinnerungen: Bubenzeit am Königssee«. Nett ist dabei die Geschichte von der Frau Klose, einem Hausgast, die mit ihren schwarzen langen Haaren und einem rot geschminkten Mund sich in einem damals hochmodernen gestrickten, zweiteiligen Badeanzug am Königssee sonnte und nicht nur dem Buben, sondern auch den amerikanischen GIs sehr gefiel.
Häuser und alte Anwesen sind immer wieder ein wichtiges Thema im Heimatkalender. Ausführlich beschreibt und dokumentiert Rosemarie Will die Geschichte und den Umzug der Unterlandthal-Mühle ins Freilichtmuseum Glentleitn. Anja Holm hat sich das Hagerlehen in der Oberau genau angesehen. Das nahe am Priesterstein gelegene Lehen besteht mindestens seit 1447. Aus dieser Zeit stammt der erste Erbrechtsbrief.
Über das bäuerliche Kleinstanwesen, das Steinbichlhäusel, schreibt Evelyne Walch. Es lag im Weiler Wildmoos in der Oberau und befindet sich jetzt ebenfalls im Freilichtmuseum Glentleitn. Seit alters her lag auf dem Häusel ein sogenanntes Lehens-schichtrecht. Das Privileg ist untrennbar an das Anwesen gebunden und sicherte dem jeweiligen Hofbesitzer das Recht auf Arbeit am Dürrnberger Salzbergbau.
Wilderer umweht ja eine gewisse Romantik. Doch wehe, wenn sie geschnappt wurden. So berichtet Dietmar Winkler in einem Bericht, dass der Berchtesgadener Sebastian Maltan am 26. Januar 1705 wegen wiederholter Wilderei zu vier Jahren Galeere verurteilt wurde. Wie der Lenzi in den mageren Nachkriegsjahren einmal sein gewildertes Wild vor der Polizei versteckte, erzählt Dr. Rudolf Weindl in seiner amüsanten Geschichte »Der Wilderer«.
Seit einigen Jahren gibt es die Rubrik »Geschäfte in und um Berchtesgaden«. Heuer beschreibt Tanja Missfeldt, wie sie zu ihrem Bäckerladen in Marktschellenberg kam und wie sie ihn engagiert und mit Herzblut betreibt.
Am Ende sei noch der längere Artikel von Matthias Schmid über die Debatte um die Sprengung des Berghofes 1951/52 erwähnt. Ausführlich legt er die damalige Diskussion dar, wie man mit dem Erbe Hitlers auf dem Obersalzberg verfahren sollte. Interessant sind dabei seine Ausführungen über die Rolle des »Berchtesgadener Anzeigers«, der im Gegensatz zu seiner damaligen Konkurrenzzeitung, dem Südost-Kurier, sich eindeutig auf die Seite der Sprengungsgegner stellte.
Diese und noch viele weitere Geschichten, Berichte, Gedichte und Porträts gibt es im Heimatkalender 2011 zu lesen. Wie immer ist der Heimatkalender mit vielen, auch historischen Aufnahmen bebildert. Und wer wissen möchte, wie ein Hanichlzaun ausschaut, der muss auf der Kalenderseite für den August nachschauen. CGM

Der Heimatkalender 2018 mit Berichten, Geschichten, Geschichte und Gedichten rund um Berchtesgaden, mit alten und neuen Fotos von vielen unterschiedlichen Autoren und Autorinnen.

Das Kalendarium 2018 lädt Sie ein, sich einen Schritt über Berchtesgaden hinaus mit dem Thema Regionalität auseinander zu setzen. Wasser, Biosphärengebiet, Solidargemeinschaft BGL, Laufener Landweizen, Biotope Marzoller Au und Böcklmoos, biologische Landwirtschaft gerstern und heute.....

Nehmen Sie den Heimatkalender in die Hand und genießen Sie - HEIMAT.