Der Hohe Göll und seine Anderswelt

von ROSEMARIE WILL

St.Bartholomä, zu beiden Seiten des Göll-Gebirgstockes


Die prächtige Wallfahrtskirche am Königssee, eine uralte Bethenwallfahrt und die eher unscheinbare, schlichte Kapelle St. Bartholomäus in Torren bei Golling. Da Bartholomäus nach der christlichen Legende die Kraft besaß, Götzenbilder zu stürzen, liegt die Vermutung nahe, dass er an beiden Enden des Göllmassives, am Königssee sogar gegenüber des Gotzensteines, in der Zeit der Christianisierung als eine Art Teufelsaustreiber und Zerstörer keltischer Religiösität eingesetzt wurde.

In der Gründungsgeschichte von St. Bartholomä am Königssee ist nachzulesen, dass Papst Gregor (+604) seinen Missionaren die Anweisung gab, „die bisherigen hochverehrten Kultstätten des heidnischen Glaubens nicht auszurotten“. Nur durch den Bau einer Kirche konnten damals die geheimen, nächtlichen Fahrten der Berchtesgadener Bevölkerung  zum alten Kultheiligtum verchristlicht werden.


Seit Jahrtausenden führten zwei Ost-West-Verbindungen um das gewaltige Bergmassiv: im Süden durch das Bluntautal über das Torrener Joch mit dem Stahlhaus hinunter nach Berchtesgaden und im Norden, im heutigen Naturpark Kühschwalb, durch das Gasteig, entlang des Weißenbaches hinauf zum Eckersattel auf das Rossfeld und über die Oberau wieder hinunter nach Berchtesgaden. Der südliche Weg durch das Bluntautal könnte der profane, der weltliche Weg gewesen sein, der nördliche der sakrale, der nur von „Eingeweihten“ benutzt werden durfte. Ein Hinweis auf diese Vermutung ist der Name Gasteig. Mit dem Wortteil  -steig wird der Weg auf den Eckersattel bezeichnet. Die Vorsilbe Ga könnte, dialektisch abgewandelt, von Gais oder Geis abstammen, das aber nichts mit dem Tier zu tun hat. Es ist das keltische Wort für tabu! Der Weg am Nordfuß des heiligen Berges könnte demnach für „gewöhnliche“ Menschen tabu gewesen sein.


Unsere keltischen Ahnen glaubten an die „Anderswelt“ und an eine irdische Wiedergeburt. Für den „vorübergehenden Tod“, eine Art Winterschlaf, wie sie ihn im Jahreskreislauf der Natur ständig beobachten konnten, zogen sich die Seelen in eine paradisische Anderswelt zurück. Sie war zeitlos, verborgen im Schoß der Urmutter Erde und eine verjüngte Wiederkehr zeugte von der Unsterblichkeit des Menschen. Diese Glaubensauffassung war ursprünglich in Eurasien allgemein bekannt. Dazu gehörten beseelte Quellen, Flüsse, Steine, Bäume und Tiere, aber auch die Naturkräfte wie Sonne, Mond, Wasser und Wind.

Neben dem Wort „Gasteig“, das im ehemaligen Norikum ein häufiger Flurname war, gibt es auch noch einen steinernen Zeugen für das Tabu, für die Heiligkeit dieser Gegend. An der 1973 erbauten Hubertuskapelle steht rechts ein keltischer Lochstein.





Sehr interessant ist das ehemalige Altarbild aus dem 17. Jahrhundert, das jetzt an der Nordseite der Kirche hängt.  St. Nikolaus ist von vielen kleinen Kindern umgeben, die aber nicht mit Gaben beschenkt werden. Er trägt keinen Gabensack bei sich, sondern drei goldene Kugeln - ein Symbol für die dei Bethen. Die Kinder sind in dünne Schleier gehüllt, in der Mythologie Ausdruck für Engel oder menschliche Seelen. Sie stehen hier, auf diesem Bild, für die Seelen von Verstorbenen, die als Geschenk das Leben, das heißt ihre Wiedergeburt, nach ihrer Zeit in der Anderswelt erwarten.

Beweisbar ist  die Existenz der Kelten auf der Felseninsel durch einen kompletten Werkzeugsatz eines  Schmiedes, der bei Grabungen hier gefunden wurde und heute im Burgmuseum Golling zu besichtigen ist.

KURT RITTIG

Die Kreuzgangtragödie

Über die Uraufführung eines Mysterienspiels vor 70 Jahren


Bei der Vernissage im September 2014 zum 100. Geburtstag des Malers Kurt Rittig im Schloss Adelsheim in Berchtesgaden, wurde auch ein Plakat gezeigt, das der Künstler für die KREUZGANGTRAGÖDIE gestaltet hat, die im Jahre 1949 im alten, romanischen Kreuzgang des Stiftes im Herzen Berchtesgadens ihre Uraufführung erlebte.


Der Abend der Uraufführung der Theaterdichtung KREUZGANGTRAGÖDIE ist ein milder Spätsommerabend und das dankbare und andächtige Publikum muss im düsteren, nur von wenig Licht erhellten Hofgeviert und im kalten Marmorgestein der Kreuzgewölbe nicht allzu sehr frieren.

Die Bundesrepublik Deutschland ist an diesem Samstag, den 17. September 1949, erst wenige Monate alt, und Theodor Heuss erst seit wenigen Tagen ihr Präsident.

Die Zuschauer eines Mysterienspiels sind zu allen Zeiten in ihrer Mehrheit Suchende. In diesen Zeiten aber, in denen Hunger, Not und Ratlosigkeit noch immer das tägliche Leben dominieren, sind sie es auf  besondere Weise, und suchen Halt in ethischen und moralischen  Gewissheiten, die lange Jahre nicht mehr gelten durften.

Und auch die neue Republik sucht nach geschichtlichem Halt und nach ihrer staatlichen Zukunft, und sie und ihre Bürger wissen, dass sie Antworten schuldig sind, wie die Verbrechen, die im deutschen Namen geschehen sind, möglich waren. Diese Antworten schulden sie sich selbst, ihren Kindern und der Welt.





















DR. RUPERT HASLINGER

Berchtoldsgaden Musick – die „Kindersinfonie“

von Edmund Angerer (1740-1794)


Die „Kindersinfonie“ von Edmund Angerer ist ein fröhliches und spezielles Musikstück, welches vor allem im 18. und Anfang des 19-Jahrhunderts sehr beliebt war. Speziell deswegen, weil man bei dieser Form der Unterhaltungsmusik Berchtesgadener Spielzeuginstrumente aus Holz verwendet hat. Die Komposition von Edmund Angerer hieß deshalb auch „Berchtoldsgaden Musick“. Der Name „Kindersinfonie“ stammt aber von dem Leipziger Verleger Friedrich Hofmeister aus dem Jahr 1813. Unter dieser deutschen Bezeichnung - und unter der englischen Bezeichnung „Toy Symphony“ - fand das Werk nämlich weltweite Verbreitung.

Ursprünglich wurden als Komponist der „Kindersinfonie“ andere Komponisten wie Leopold Mozart, Joseph Haydn und Michael Haydn vermutet. Grund hierfür war, dass Edmund Angerer nach seinem Tod bald in Vergessenheit geriet.


Im Jahr 1996 stieß Univ.-Doz. Dr. Hildegard Herrmann-Schneider im Stift Stams in Tirol auf die Handschrift „Berchtoldsgaden Musick“. Im Zuge der Untersuchung dieser Handschrift konnte sie den aus St. Johann in Tirol stammenden Benediktinerpater Edmund Angerer (1740-1794) im Stift Fiecht im Inntal als Komponisten des Werkes ermitteln. Diese Handschrift ist eine Abschrift (etwa 1790) von dem Chorregenten und Archivar des Stifts Stams, dem Zisterzienserpater Stephan Paluselli, mit dem Angerer in Verbindung stand. Die Komposition ist mit „Berchtoldsgaden Musick“ betitelt.

KATHARINA HUBER

Eikaffn geh



I muass eikaffn geh, zum Triambacher, von da Gern bis in Moakt nei. 1938, da war i zwe'if Joah oid.“

In da Gern drinnen hat es zwei Lebensmittelläden gegeben, im Haus Brunner (nach der Kirche Richtung Hintergern) und den Lden vom Heisn Thresei im Haus Felseneck, nahe der Heisnmuih. Aber heute gehe ich die Gerer Straße hinaus, einen Rucksack am Buckl, am Krankenhaus vorbei, den Locksteinberg hinunter - ins Nonntal.  

Gegenüber vom Krankenhaus war der Kiosk beim Haus Untersbergblick,

ein Stück weiter, am Anfang vom heutigen Locksteinberg (damals Dietrich-Eckard-Straße) der Higa Lenzei (später „Jockerl“Angerer/EDEKA). Und sogar unten, im Graben am Bach war noch ein Laden, a kloans Ladei vom Bachei Liesi. Gehen wir den heutigen Locksteinberg ein Stückerl weiter, war rechts die Rampin, im oberen Teil von der Dietrich-Eckart-Straße.

Hinunter ins Nonntal: Das war bis zum zweiten Weltkrieg eine richtige Einkaufsstraße. Allein sieben Lebensmittelläden, Viktualienhandlungen oder auch Fragnereien hat man sie genannt, hat es gegeben! Markteinwärts nach dem Schachernkreuz, Nr. 23, war der Puchner-Wimmer (später Gollinger) mit einer Wirtschaft, im nächsten Haus der Schneider König, zu dem hat man die Treppen hinauf steigen müssen und zum Schuster im gleichen Haus, die Treppen hinunter. Dann war in der Nr. 19 der Kronacher und in der Nr. 17 die Eichlmann Fini. Im gleichen Haus hat die Familie Däuber die allerbesten Kuchen und Konditoreiwaren verkauft. Im Niegel-Haus, Nr. 13, war das Lebensmittelgeschäft von der Frau Haberl und noch ein Gemüse- und Obstladen vom Michael Sladoslawek. Der Herr Niegel hat ein  Antiquitätengeschäft oder ein Raritätengeschäft geführt. In der Nummer 11 war im ersten Stock die Wäscherei Sladoslawek (wia ma des schreibt, woaß i ned), später die Wäscherei Thurner.

Dazwischen war und ist heut noch das Gasthaus Nonntal, das die Haslingers geführt haben. Der Josef Haslinger hat im Haus Nr. 9 noch eine Metzgerei gehabt und einen Taxistand.


TONI KÖPPL

Eigwandt und zamkamped

Zwoa Kinda gehn 1958 mitn Puppnwangl spaziern. S Tonerl is sechse, da Seppal is guade dreiahoib Jahr oid. Im Wangal liegt a Bewipuppn (auf guad Deitsch, a Babypuppn) mit an Zelluloid-Kopf. A Joppei, a Stompihosn und a Hauwei für sie hot d Mama gestrickt. Meist hots de neue Ausstattung vom Christkindl gem. S Kiss und de kloane Duckat hod a Rüschei außen umi. D Mama hod des aus a oidn Duckatziach gnaht. S Wangei war aus Sperrhoiz, mit Plastik übaspannt und s Dache hod ma oiklappn kinna.

Wia ma segn ko, hod d Mama de zwoa eigwandt. Da Bua hod a Spitzbuam-Hiatl aus Lodn auf, a handgstrickts Joppei und a gnahte Bundhosn o. Untam Knia is a Gummi, desweng passt de Hosn a poa Joahr. Er hod se'iba gstrickte Kniastrümpf o und billige Turnschua, de ham lang nach Gummi gstunckn.

S Dirndl hod a flotte Haarrolle - a kloana Kampe eidraht in de Hoa - so is fürn ganzn Tog zamkamped. D Mama hod a oafachs  Ärmigwand und a bunts Werktogsschiatzl gnaht. Aus an oidn, gebrachtn, karierdn Stoff. Ned z hell hoda sei derfn, sonst hätt ma an jedn Dreck drauf gese'ing. Fürn Sonntog und für d Schui wars Schiatzl aus an hellern Stoff und hod Rüschn an de Troga ghabt, de am Buckl üba Kreiz zuaknöpfet warn.

DIETMAR WINKLER

Cosmas und Damian


St. Cosmas und St. Damian, versteckt hinter den Weinblättern  am Eingangsturm der Klinik Stanggaß. Nur durch eine Abholzaktion ist dieses Wandgemälde wieder zu sehen. Die frühchristlichen Zwillingsbrüder Cosmas und Damian, geboren in Syrien, waren Heilkundige, die die Kranken der Legende nach unentgeltlich behandelten. Als Heilige verehrt, blieb es nicht aus, dass sie Schutzpatrone medizinischer Fakultäten wurden und vieler medizinischer Berufe: Ärzte, Bader, Ammen, Apotheker. Ihre Attribute sind Arzneimittelbehälter und medizinische Instrumente, Gedenktag der beiden ist der 26. September.

Nach der Eröffnung der Klinik, 1942, die eng mit dem Namen Dietrich Eckart verbunden ist, gab es dieses Gemälde noch nicht, es muss erst später angebracht worden sein.

Dietrich Eckart, 1868-1923, völkisch, antisemitische  Schriftsteller, musste sich einige Monate im Gebirgskurhaus Obersalzberg verstecken. Hitler besucht ihn dort öfter, auch um sein Buch „Mein Kampf“ zu beenden. Und verliebte sich nach eigenen Angaben sofort in die herrliche Alpenlandschaft. Der frühe Förderer und Unterstützer Hitlers wurde nach seinem frühen Tod als Freiheitsdichter posthum vielfach geehrt.


ROSEMARIE WILL

Das Rosenamulett



Es ist aus Holz geschnitzt. Der herzförmige Hintergrund aus schwarzem Ebenholz, die Rose mit dem fein gezackten Blatt angeblich aus einer einfachen Holzkiste geschnitzt, demnach eventuell aus Fichtenholz. Ein kleines Holzkisten-Nagelloch ist in der Rose noch zu sehen. Dieses Amulett hat mein Vater während seiner Internierung in der US-Stadt Crystal City, Texas, angefertigt. Nach seinen Erzählungen hat er einige dieser Anhänger geschnitzt, um sich ein paar Dollar damit zu verdienen. Eines dieser Schmuckstücke fand nicht nur den Weg nach Berchtesgaden, sondern wurde eines der Lieblingsstücke meiner Mutter, das sie Zeit ihres Lebens aufbewahrte.


Die Verhaftung und zwangsweise Internierung sogenannter „Enemy Aliens" betraf tausende von Deutschen und andere Ausländer in Amerika, unter ihnen Frauen und Kinder, die in Bundesgefängnissen zum Teil bis über das Kriegsende hinaus interniert waren. Das akribische Sammeln tausender Einwanderungsdaten ging auf die persönliche Leidenschaft J. Edgar Hoovers, Direktor des FBI, zurück. Das FBI, das mit den Armee- und Marinenachrichtendiensten eng zusammenarbeitete, rühmte sich schon 1939 damit, dass es auf „über 10 Millionen Personen" ein Auge habe, darunter „eine sehr große Zahl von Personen ausländischer Herkunft".

LIANE GRUBER

Das hätte ich auch gerne gehabt…


Es wird ungefähr 78 Jahre her sein, also um 1939 herum, als ich etwas erlebte, was nach so vielen Jahren noch immer im Kopf ist. Heute lache ich über dieses Erlebnis, aber damals war es eine tiefe Enttäuschung.

Ich war zu dieser Zeit zehn Jahre alt. Mit meiner älteren Schwester Lieserl  ging ich in den „Brennerbascht“ zu einer Weihnachtsfeier für Bischofswieser Kinder. Der Kommerzienrat Dr. Kurt Elschner, geb.1876,  ließ sie für Kinder ausrichten. Er war ein Wohltäter unsere Gemeinde, Schule und Kinder lagen ihm am Herzen. Unter anderem stiftete er 1926 die Glocken für die neu erbaute Herz Jesu Kirche und später auch für  Orgel. Er hat sich von der Kellnerlehre bis zum Hotelleiter (in Berlin) hinauf gearbeitet. 1923 erwarb er die Villa Felicitas, die er aber unter dem Druck der Enteignung durch die Nazis 1942 an die NS-Volkswohlfahrt verkaufte, verkaufen musste. Als Ehrenbürger von Bischofswiesen ist in der Stanggaß eine Straße nach ihm benannt.

Bei besagter Weihnachtsfeier saßen wir Kinder an langen Tischen, der Brennerbascht hatte damals noch einen riesigen Saal, es gab  Kakao und Gebäck für uns, was an sich schon eine feine Sache war, aber das Schönste war dann die Bescherung. Jedes Kind bekam von dem anwesenden Nikolaus ein Geschenk.

FRANZ GRÜSSER

Im Memoriam Erich Limmer

geboren 8. Dezember 1937 - gestorben 10. Oktober 2014


Der von Lebensfreude, Charme und Humor strotzende Erich Limmer hat in seiner Jugend so manches unvergessliche Erlebnis mit mir geteilt.

Es war Ende der 50er Jahre. Der Erich und ich hatten beim Schwimmen im Aschauerweiher zwei recht hübsche und lustige Düsseldorfer „Sommermoasen“ kennengelernt. Auf dem sogenannten „Balken“ - einem ungefähr fünf Meter langen, schwimmenden Holzstamm - hatten wir mit den beiden Mädels schon eine riesige Gaudi. Wir vereinbarten mit ihnen, dass wir uns abends im ersten Stock des Hauptbahnhofes im Tanzlokal treffen wollten.

Als Erich und ich gegen 21.00 Uhr dort ankamen, staunten wir nicht schlecht, als die zwei in Petticoats gestylten Mädels schon recht flott mit zwei Gebirgsjägern tanzten. Als die fünf Mann starke Band den nächsten Tanz anstimmte, legten wir zur Aufforderung der beiden einen Frühstart hin. Aus dem Frühstart wurde prompt ein Fehlstart, weil die zwei Soldaten schon „vorbestellt“ hatten.

Beschämt zogen wir uns an unseren Tisch zurück. Siegesbewusst und hoch erhobenen Hauptes tanzten die zwei Paare an unserem Tisch vorbei. Während der nächsten Tanzpause schlug Erich kurz und kräftig auf den Tisch und sagte: „I kim glei wieder, i muaß bloß schnell telefoniern.“ Nach knapp zehn Minuten kam er abgehetzt zurück auf seinen Platz. Gerade als ich ihn fragen wollte was er denn so lange gemacht hätte, unterbrach der Wirt des Lokals  die Band und machte durch das Mikrophon folgende Durchsage: „Achtung, Achtung, Nato-Alarm! Alle hier anwesenden Gebirgsjäger der Kaserne Strub sollen schnellstens ihre Zeche bezahlen und sich auf der Verkehrsinsel  des Hauptbahnhofs zur Abholung aufstellen und bereit halten.“

ROSEMARIE WILL

Die Sache mit dem Ü


De Bertsgodner redn koa Ü. Die Oberbayern eigentlich auch nicht, obwohl ihre Hauptstadt München heißt. Minga hoit. Man sucht sich ganz einfach einen Umweg, eine Umgehung oder eine Umsprechung, um dieses Ü nicht anwenden zu müssen. Miassn.

Gott sein Dank gibt's Möglichkeiten grad gnua, dieses Ü zu umgehen:


1. Man nimmt statt des Ü

einen anderen Buchstaben, das u:

bücken - buckn

drücken - druckn

schlüpfen - schlupfn

Hüpfen - hupfn

Mücke - Muckn



2. Das Ü wird durch i ersetzt:

Schüssel - Schissl

Strümpfe - Strimpf

Hütte - Hittn

Dübel - Diwi

Büffel - Biffe

Sünden - Sindn



3. Das Ü wird gleich durch zwei

Buchstaben ersetzt, durch ein

Diphtong, ein doppelter Selbstlaut:

müde - miad

Kühe - Kiah

Füße - Fiaß

Schürze - Schiazn

lügen - liang

Gemüse - Gmias


MANFRED ANGERER

Ein Berchtesgadener Bockschlitten erzählt


Ferdinand Wörler, ein gebürtiger Franke aus  Schnaittach, kam nach zwölfjährigem Militärdienst bei der Bayerischen Armee 1919 mit Ehegattin und zwei Kindern nach Berchtesgaden und bezog auf Vermittlung der Gemeinde eine, wie sich herausstellte, leider wegen der Hanglage ziemlich feuchte Wohnung im Hintergebäude des Mundkochhauses.

Sein neuer Dienstherr war das Finanzamt Berchtesgaden, wo er alsbald die Aufgabe eines Finanz- und Steuerprüfers wahrzunehmen hatte. Sein Einsatzschwerpunkt waren die damaligen Hotels und Pensionen am früheren Obersalzberg, wo er deren Buchführungen und Gewerbesteuerzahlungen zu prüfen hatte.

Doch damals verkehrte noch kein, den behördlichen Dienstzeiten angepasster, Linienbus zum Obersalzberg und von einer privaten Motorisierung, und sei es nur ein kleines Motorrad, konnte nicht die Rede sein. Der Verdienst eines einfachen Steuersekretärs reichte gerade mal aus, um mit einer vierköpfigen Familie so einigermaßen über die Runden zu kommen. So blieb Wörler nichts anderes übrig, als oft tagelang hintereinander frühmorgens zu Fuß zum Obersalzberg hinauf und am Abend wieder herunter zu gehen. Und das Sommer wie Winter, egal wieviel Schnee dann gerade lag.

Wörler kam deshalb auf die Idee, sich einen Berchtesgadener Bockschlitten (so genannt wegen seiner beiden Hörner) machen zu lassen. Dafür kam nur der weithin bekannte Schlittenmacher Stocker vom Schnöllnlehen auf dem Weg nach Ettenberg infrage. Mit dem Gefährt konnte Wörler wenigstens den abendlichen Nachhauseweg vom Obersalzberg hinunter nach Berchtesgaden deutlich verkürzen. So ging das über zehn Jahre, ehe der Schlitten als winterliches „Dienstfahrzeug“  - wohlgemerkt auf eigene Kosten angeschafft - ausgedient hatte.